Wörter, die die Welt nicht braucht

Es ist schon mehr als spannend zuzuschauen, was unsere politische Klasse verzapft. Da lässt sich ein Herr Beck dazu hinreißen festzustellen, dass wir eine wachsende, chancenlose Unterschicht in Deutschland haben. Was für eine Neuigkeit! Aber immerhin, mindestens ein Politiker hat erkannt, dass die Politik der letzten Jahrzehnte ungebremst vor die Wand fährt. Bravo Herr Beck, ein großer Schritt ist getan!

Eilig bemüht sich der Rest des Berliner Reigens das Problem aus der Welt zu schaffen. Müntefering leugnet, dass es in Deutschland Schichten gibt, also kann es gar keine Unterschicht geben. Problem gelöst - genial!

Der große Konsens liegt im Vorwurf der Faulheit. Der Unterschied ist, ob man es direkt ausspricht wie die Sprachrohre der Union, oder ob man dem Staat mangelnde Unterstützung unterstellt, wie die SPD. Aber mal ehrlich, gibt es in Deutschland eine Schule, die Alltagsrechnen und die grundlegende Alphabetisierung in Deutsch nicht im Programm hat? Liebe Genossen, eine schöne Formulierung für denselben Inhalt.

Vielleicht hätte man den Opfern der Titanik auch sagen sollen, dass sie sich mehr anstrengen sollen. Sie hätten einfach zum nächsten Kontinent schwimmen müssen. Es gibt genug davon, selbst die Richtung in die sie geschwommen wären, war annähernd egal. Warum so viele ertrunken sind, ist mindestens genauso rätselhaft, wie die Situation der deutschen Unterschicht.

Immerhin hat die Wissenschaft bereits ein neues, unverbrauchtes Wort produziert, dem die Politiker den letzten Sinn entziehen können. Zum heutigen Datum ziemlich wertneutral: das Prekariat.

Falsche Floskeln

Spannender als die gequirlten Exkremente, die über die Nachrichten verbreitet werden, sind die Hintergründe zum angeblichen Teufelskreis, der zu dieser Situation führt. Insbesondere, weil aus diesen Floskeln hüben wie drüben die Rezepte zur Lösung des Problems abgeleitet werden. Nicht erst seit heute. Das Ergebnis ist indes bekannt.

Es gibt zu wenig Arbeit

Wohl die beliebteste These, die aus dem Stand der Arbeitslosigkeit gefolgert wird. Seit über einem Jahrzehnt wird dabei übersehen, dass die Anzahl der Überstunden im gleichen Maße steigt. Allerdings wird das bestenfalls zum Beschimpfen der bösen Kapitalisten verwendet.

Arbeit gibt es genug. Ich alleine könnte gut drei Vollzeitkräfte beschäftigen. Ich habe keine Zeit mich um meinen Garten zu kümmern, wenn ich nach der Arbeit um Mitternacht Staub sauge stört es meinen Nachbarn, an verschiedensten Stellen im Haus ist die Installation marode, usw. Wenn ich in ein Geschäft komme, werde ich nicht bedient, stehe dafür ewig an der Kasse, jemand könnte mal den Müll von öffentlichen Flächen fortschaffen, warum müssen alte Menschen allein sterben, etc. Arbeit gibt es wirklich genug, und für die meisten Arbeiten braucht man auch keine höhere Ausbildung.

Es gibt kein Geld, um Arbeit zu bezahlen

Auf den ersten Blick klingt das plausibel. Sonst hätte ich sicher schon Gärtner und Haushälter eingestellt. Auf den zweiten Blick ist es aber ein klassischer Irrtum eines möchtegern Betriebswirts, der sich als Volkswirt versucht.

Fakt ist, die Arbeitskräfte werden bezahlt. Egal ob sie produktiv arbeiten oder nicht. Das Geld dafür, dass die Menschen von ihrer Arbeit leben können, ist also da. Sie leben auch ohne Arbeit. Wir haben beileibe nicht das Problem, dass unsere Volkswirtschaft nicht leistungsfähig genug ist, um alle zu ernähren. Wir haben einzig ein politisches Problem, das einen wachsenden Teil der Bevölkerung aus der aktiven Volkswirtschaft in die Transferleistungen treibt. Volkswirtschaftlich ändert das gar nichts. Die Transferleistungen werden einfach von den Aktiven umverteilt.

Der Trugschluss

Der Trugschluss liegt darin, dass die ins Abseits Gedrängten, in einer temporären Notsituation wären. Transferleistungen eines Sozialstaats sind dazu bestimmt, solche Not zu lindern. Es handelt sich aber keineswegs um eine temporäre Notsituation, sondern um einen hausgemachten Dauerzustand. Dieser führt dazu, dass eine Schicht von hofierten Leistungsträgern ausgepresst wird, um eine Schicht von im System Überflüssigen durchzufüttern, während jegliche Lebensqualität aller Beteiligten der Rationalisierung zum Opfer fällt. Schöne neue Welt!

Ursachen

Herr Müntefering hat vor einigen Jahren gut erkannt, dass ein Handwerker einen ganzen Tag lang arbeiten muss, damit ein anderer Handwerker bei ihm eine Stunde arbeiten kann. Die Schere zwischen Brutto und Netto ist immens. Dies führt dazu, dass die Arbeitskosten in Deutschland die höchsten in der Welt sind, aber das Nettoeinkommen der Deutschen den drittletzten Platz in der EU belegt. Sowas ist volkswirtschaftlicher Selbstmord.

In dynamischen Systemen sind die Rückkopplungen das Interessanteste. Hier sind die Abhängigkeiten geradezu trivial. Mit den höchsten Arbeitskosten der Welt muss man auch die höchste Produktivität der Welt an den Tag legen, damit die Produkte international absetzbar sind. Mit den mickrigen Nettoeinkommen kann man nicht auf eine Binnen-Subsistenzwirtschaft hoffen.

Die höchste Produktivität der Welt können logischerweise nur Teile der Bevölkerung leisten. Es ist ja nicht so, dass Menschen anderer Nationen generell unfähiger wären. Diejenigen, die das Pensum nicht mithalten können, sind zu teuer, fallen aus der aktiven Volkswirtschaft in die Transferleistungen. Die verbliebenen Aktiven müssen somit mehr Transferleistungen aufbrigen, die Arbeitskosten steigen und das Nettoeinkommen sinkt. Entsprechend muss die Produktivität erhöht werden, und es fallen weitere Schichten in die Transferleistungen. Es gibt für das Prekariat keinen Weg zurück! Im Gegenteil, bei sonst unveränderten Bedingungen muss es exponenziell wachsen - mit einer harten Landung bei 100%.

Lösungen

Die Lösung liegt in dem Durchbrechen der Brutto-Netto-Schere. Es muss ein Markt für durchschnittliche Arbeit geschaffen werden. Dieser kann nicht in der Industrieproduktion liegen, auch wenn es sich manche Politiker noch so sehr wünschen. In einer globalisierten Welt, müssen handelbare Güter international konkurrenzfähig sein. Aber für das währungsverzerrte Einkommen eines Chinesen kann in Deutschland nunmal niemand überleben. Jede Diskussion um eine Lohnkonkurrenz mit Billiglohnländern ist sinnlose Zeitverschwendung.

Abermals muss man sich vor Augen führen, dass das Geld, um die international nicht konkurrenzfähigen Bürger zu bezahlen, ohnehin aufgewendet wird. Selbst Geld, was für Schwarzarbeit aufgewendet wird, wird von jemandem aufgewendet und sichert jemandem ein Einkommen. Das Geld ist da!

Die Aufgabe der Politik besteht darin, die Transferleistungen, die nebenbei auch noch Unmengen Geld sinnlos im bürokratischen Wasserkopf versenken, durch einen Arbeitsmarkt zu ersetzen. Wenn ich für das Geld, was ich heute direkt und indirekt über Steuern an die Agentur für Arbeit bzw. an die Kommunen für Hartz IV Leistungen bezahle, direkt an meinen Gärtner zahle, ändert sich für mich nicht sonderlich viel - außer dass ich vielleicht mal in den Genuss eines Rasens käme. Für den frisch gebackenen Gärtner käme eine Aufgabe ins Leben, das pure Gefühl gebraucht zu werden, Teilhabe am Leben und möglicherweise die Aussicht auf einen Aufstieg. Ein Gefühl, dass er seinen Kindern mitgeben kann. Und das alles kostet unterm Strich keinen Cent mehr.

Allerdings, wenn es mir nicht mehr vor dem heimischen Arbeitspensum des Wochenendes graut, und ich nicht mehr Stunden sinnlos in irgendwelchen Geschäften herumstehe, weil ich die Produkte nicht finde oder die Kassenschlange schon an der Eingangstür beginnt, habe ich vielleicht Zeit, neue Dinge auszuhecken, die international konkurrenzfähig sind. Mit diesen Dingen wächst dann die Volkswirtschaft zum Wohle aller. Und vielleicht bringt es meinen Gärtner vom Hartz IV Existenzminimum weg, so dass wir in Deutschland nicht nur besonders teuer, sondern vielleicht auch wieder einmal besonders wohlhabend sind.

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