Abendländische Logik

Das gesamte Selbstverständnis der westlichen Welt in den letzten 4000 Jahren gründet sich auf die von den Griechen entworfene sogenannte abendländische Logik. Die Begründung dieser Logik gilt bis heute als eine der größten Kulturleistungen, und sie ist im Grunde alles andere als selbstverständlich. Dennoch wachsen wir mit diesem Selbstverständnis auf und verwenden die daraus abgeleiteten Begriffe alltäglich, ohne deren Sinn in Frage zu stellen. Haben Sie schonmal darüber nachgedacht, was der Satz:

Es ist wahr.

bedeutet? Tatsächlich stecken in diesem Satz so viele Annahmen, dass Sie den Satz als wilde Spekulation abweisen würden, wenn Sie diese Annahmen nicht von Kindesbeinen als nicht hinterfragbar verinnerlicht hätten.

Das ausgeschlossene Dritte

Die zentrale Beschränkung unserer Logik ist der Satz des ausgeschlossenen Dritten. Das Ganze funktioniert ungefähr so: Man wähle ein Prädikat, z.B. grün, und teile alle Dinge in grün und nicht grün auf. Der zentrale Hauptsatz sagt nun, dass alle Dinge entweder als grün oder als nicht grün zu klassifizieren sind. Die Fälle weder noch, bzw. beides sind ausgeschlossen. Wie man an diesem Beispiel leicht sieht, ist die ZuordnungIst Cyan nun grün oder nicht grün? Ist Liebe grün? nicht immer einfach möglich. Der Satz des ausgeschlossenen Dritten sagt auch nicht, dass diese Einteilung immer möglich ist, sondern dass die Logik bezüglich des Prädikats nur auf Objekte anwendbar ist, für die diese Einteilung eindeutig getroffen werden kann.

Die Aussagelogik bringt nun ein sehr abstraktes Prädikat ins Spiel. Aussagen können falsch oder nicht falsch sein. Grundsätzlich kann eine Aussage auch beides oder nichts davon sein, allerdings kann sie dann innerhalb der Logik nicht verwendet werden. Diese Logik definiert darüber die Begriffe und, sowie oder und leitet daraus ein Regelsystem für Schlussfolgerungen ab. Dies geht dann ungefähr so: Wenn alle Menschen mit Bärten Männer sind und Angelika ein Mensch mit Bart ist, dann ist Angelika ein Mann.

Tatsächlich werden in diesem Satz Prädikate in Beziehung gesetzt: Mensch, Bart, Mann. Für jedes dieser Prädikate gilt natürlich jeweils das augeschlossene Dritte.

Angenommen Angelika sei tatsächlich kein Mann, habe aber wie bei Menschen üblich Haare im Gesicht. Wie bei pubertierenden Jungen gut zu sehen, ist die Frage Bart oder nicht Bart nur schwer zu klären. Also gilt das ausgeschlossene Dritte nicht und der Satz ist im Rahmen der Logik einfach nur sinnlos.

Umgekehrt kann man natürlich auch definieren, wieviel Haare denn nun ein Bart sind. Wenn Angelika unter diese Definition fällt, kann man folgern, dass der Satz: alle Menschen mit Bärten sind Männer falsch ist.

Wie man an diesem Beispiel sieht, ist es bereits sehr kompliziert zu verdeutlichen, was der Begriff falsch eigentlich bedeutet. Die Restklasse nicht falsch kategorisiert im Übrigen nicht alle anderen möglichen Sätze, sondern nur alle anderen gültigen Sätze, d.h. solche die überhaupt eindeutig in diese Kategorie eingeordnet werden können. Tatsächlich haben wir zu dem Beispielsatz zwei mögliche Interpretationen gefunden, und somit fällt dieser Satz streng für sich genommen eben nicht in die Kategorie gültiger Sätze.

Wenn Sie die täglich verwendeten Aussagen daraufhin untersuchen, werden Sie wahrscheinlich feststellen, dass die Schwierigkeiten um Angelikas Bart viel häufiger sind als eindeutige Sätze.

Subjektivität

Das Ganze wird noch viel vertrackter, wenn ich mich fragen muss, woher ich denn nun weiss, dass Angelika einen Bart hat oder eben nicht. Ich zumindest nehme meine Umwelt über meine Sinne wahr, ich nehme an, dass es Ihnen nicht anders geht. Wissen kann ich das freilich nicht. Ein großes Dilemma ist, dass fast alle Wahrnehmung kontinuierlich und unscharf ist. Ich kann unmöglich sagen, dass es hell ist. Ich kann bestenfalls sagen, dass es heller als an einem anderen Ort oder zu einer anderen Zeit ist. Die Kategorie der Logik ist somit nicht hell sondern heller als etwas. Bevor man also überhaupt versucht solche Sätze in Beziehung zu setzen, muss man prüfen, ob auch immer dasselbe etwas verwendet wird. Ein weiteres Problem ist die Unschärfe. Ich glaube nicht, dass es heute genauso hell ist wie gestern, aber ich kann Ihnen beim besten Willen nicht sagen ob es heute heller als gestern ist. Damit sind alle Sätze mit dem Prädikat heller als gestern im Rahmen der Logik sinnlos.

Es kommt allerdings noch viel schlimmer. Ich weiss noch nichteinmal, ob es hell ist. Ich sehe verschiedene Formen denen ich irgendwelche Bedeutungen zumesse. Ich habe herausgefunden, dass Sie auch solche Formen sehen können und dass es Ihnen auch schwerer fällt, wenn ich sie auch nicht mehr gut sehe. Ich kann nur beurteilen, dass es für mich hell erscheint. Allein aus der Tatsache, dass wir im Verlauf der Zeit über dieses Phänomen kommunizieren und eine Gemeinsamkeit feststellen, können wir abstrahieren, dass es hell ist.

Genauso habe ich festgestellt, dass wenn ich Zahnschmerzen habe, das meist nichts damit zu tun hat, ob Sie Zahnschmerzen haben. Das Konzept es hat Zahnschmerzen erscheint damit wenig nützlich. Für den Übergangsbereich fragen Sie eine wetterfühlige Person.

Es gibt somit subjektive Sätze, die momentane eigene Empfindungen beschreiben. Man nennt diese Empfindungen Wahrnehmungen, womit erstmalig in diesem Aufsatz der Begriff wahr eigeführt wird. Wahr ist, was ich wahrnehme. Alles andere Wahrnehmbare ist nach dem ausgeschlossen Dritten nicht wahr. Man beachte, dass die Kategorie wahr somit völlig unabhängig von der Kategorie falsch definiert ist.

Wahrheit

Wie oben dargestellt beschreibt die Aussagelogik, wie Sätze, die entweder falsch oder nicht falsch sind, miteinander zu anderen Sätzen derselben Kategorie kombiniert werden können. Allerdings beisst sich die Katze in den Schwanz. Ich brauche einige Sätze am Anfang, von denen ich weiss, ob sie falsch oder nicht falsch sind. Die Aussagelogik sagt nur etwas darüber aus, wie ich diese Sätze kombinieren darf.

Hier kommen wir zu dem zentralen Punkt westlicher Kultur, der unser Selbstverständnis prägt. Wir identifizieren wahr mit nicht falsch. Allerdings identifizieren wir hier ein subjektives Empfinden mit einem abstrakten Konzept, der Wahrheit. Die Verallgemeinerung es ist wahr ist genauso tückisch wie es hat Zahnschmerzen. Dieser Schluss bedeutet, dass jede Wahrnehmung, die nicht alle genauso haben, nicht Wahrheit ist. Dies ist sicherlich sinnvoll, will man per Aussagelogik schließlich mit anderen kommunizieren. Sonst könnte der Gesprächspartner nicht entscheiden, ob etwas wahr ist oder nicht, und wir laufen ins Messer des ausgeschlossenen Dritten.

Falsch indes sind die beliebten Verallgemeinerungen: Was nicht Wahrheit ist, sei auch nicht wahr, bzw. was wahr ist, sei auch Wahrheit. Das Gegenbeispiel für erstere sind die sogenannten Sinnestäuschungen. Dort kann man Dinge wahrnehmen, die andere nicht wahrnehmen. Sie sind subjektiv wahr, aber keine kollektive Wahrheit. Im übrigen hängt der Unterschied davon ab, mit wem man redet. Es ist die kollektive Wahrheit der Zuschauer, dass die Jungfrau vom Zauberer zersägt wurde. Falsch wird die Aussage erst, wenn man mit dem Zauberer redet, und ihm mehr glaubt, als seinen eigenen Augen.

Objektivität

Wahr ist also ein subjektives Urteil; es entspricht der Wahrnehmung. Wahrheit ist die Menge der hinreichend gleichen subjektiven Urteile innerhalb einer Gruppe von kommunizierenden Menschen, so dass diese Gruppe ihren Sätzen eindeutig das Prädikat nicht falsch zuordnen kann. Was bitte ist denn dann die für die freiheitliche Grundordnung notwendige objektive Wahrheit?

Objektivität ist schlicht die Umkehr des Paradigmas. Es wird angenommen es gäbe die objektive Wahrheit; die Logik der Kommunikation wird über die Konsistenz der subjektiven Wahrnehmung erhoben. Der Ausdruck seinen Augen nicht trauen bedeutet, dass das was ich sehe, vom Kollektiv anders behauptet wird, und dass ich deshalb dazu bereit sein muss, meine Wahrnehmung dem kollektiven Dogma unterzuordnen. Meine Wahrnehmung ist falsch, es sei denn, sie ist konform zur allgemeinen Behauptung!

Wie beschrieben ist die Wahrheit ein Ergebnis von Diskussionen innerhalb der Gesellschaft. Im Grunde ist sie annähernd beliebig. Wie gut eine Wahrheit ist, hängt wahrscheinlich nur davon ab, wie viele Mitglieder der Gesellschaft ihren Wahrnehmungen abschwören müssen und wie wichtig es diesen Leuten ist.

Das Konzept der Wahrheit wird um so schlechter, als das die Wahrnehmung indirekter wird. Ob es hell oder dunkel ist, kann ich in den diskutierten Grenzen noch ganz gut sagen. Ob in Zentralafrika ein Krieg tobt und warum, oder was ein Atom genau ist, hängt von anderen Wahrheiten ab, die ich im Rahmen der Aussagelogik interpretiere. Schlimmer noch, zumeist sind es einige wenige, die in diesen Fällen ihre Wahrnehmung an die Gesellschaft weiterleiten. Somit hat die Gesellschaft quasi ausschließlich eine Wahrnehmung zur Verfügung, um sich anschließend darauf zu verständigen, was denn die abstrakte Wahrheit wäre. Das geht zwingend schief, und zwar ohne dass irgendjemand vorsätzlich handelte. Der Film Wag the Dog hat diesen Sachverhalt mit dem Satz: Natürlich ist Krieg, ich sehe ihn im Fernsehen! ziemlich genau auf den Punkt gebracht, auch wenn dort natürlich Vorsatz im Spiel war. Ebenso ist an der Behauptung der Prawda, die Wahrheit darzustellen, selbst im tiefsten Stalinismus kaum ein logisches Problem auszumachen.

Zusammenfassung

Die objektive Wahrheit gibt es nicht. Wahrheit ist ein gesellschaftlicher Konsens, der das Fundament der Aussagelogik bildet. Je ferner Wahrheit von der unmittelbaren Wahrnehmung liegt, desto mehr ist sie verhandelbar, und natürlich hängen die durch die Aussagelogik getroffenen Schlüsse explizit von der jeweils gültigen Wahrheit ab.

Diese Erkenntnis zieht sich durch alle Bereiche. Religiöse Konzepte definieren genauso eine Wahrheit, wie die politische Berichterstattung, oder auch naturwissenschaftliche Modelle.

Die Annahme der Existenz einer objektiven Wahrheit hat meist verheerende Folgen. Fast alle großen Konflikte der Menschheit beruhen darauf, dass die jeweiligen Wahrheiten inkompatibel waren. Eine instruktive Geschichte ist Kopernikus Modell, welches behauptet, dass sich die Erde um die Sonne drehe. Die Beobachtungen also Wahrnehmungen der Planetenbewegungen konnten sowohl in Kopernikus Modell als auch in Ptolmäus Modell mit der Erde im Zentrum erklärt werden. Die Wahrnehmung konnte diese Modelle gar nicht unterscheiden. Kopernikus Erklärungsmodell unterscheidet sich vornehmlich dadurch, dass es einfacher zu verwenden ist und weniger Annahmen benötigt. Galileo Galilei wurde indes mit dem Scheiterhaufen gedroht, wenn er sich nicht zur Ptolmäischen Wahrheit bekenne.

Ich hoffe ich habe Ihnen zeigen können, dass der Satz es ist wahr sinnlos ist, und dass der Begriff Wahrheit keinesfalls objektiv, also von den Menschen unabhängig, ist. Das Konzept ist ferner ex definitione nicht falsch, muss für Sie aber deshalb auch nicht wahr sein.

Die grundlegenden Prädikate sind aus der Natur unserer Wahrnehmung unscharf. Es gibt weder schwarz noch weiß, sondern ausschließlich ein heller als, was zudem nicht immer entscheidbar ist. Die Anwendung der reinen Logik auf Alltagsphänomene sollte immer kritisch hinterfragt werden. Dies ist natürlich nicht der Freibrief für Beliebigkeit, sondern sollte zur konstruktiven Selbstkritik anhand der Frage führen: Weiß ich, was ich sage?

Site Navigation

Home

Privates

Berufliches

Physikalisches

Philosophisches

  Objektivität

Spirituelles

Gedankliches

Elektronisches

Informatisches

Interna