1984 - 2007

Der große Bruder sieht Dich an steht in meiner Übersetzung von Orwells bekannt düsterem Ausblick. Dein großer Bruder passt auf Dich auf. halte ich allerdings für treffender übersetzt. Und das ist es ja auch, was der große Bruder vorgibt zu tun. Er passt auf uns auf, ohne uns dabei anzusehen. Wahrhaft ritterlich!

Und tatsächlich muss er auf uns aufpassen, denn wir sind von allen Seiten bedroht. In Ihrem Keller könnte sich ein Terrorist verbergen, wenn Sie nicht selbst einer sind. Der große Bruder ist darauf gefasst. Jeder kann ein Schläfer sein. Falls Sie grad keinen Terroristen bei der Hand haben, hätten Sie vielleicht einen Kinderschänder im Angebot? Behaupten können Sie viel, wenn der große Bruder seinen Job machen soll, muss er sich das alles ganz genau ansehen. Wenn man nur lange genug hinsieht, findet man sogar Massenvernichtungswaffen im Irak.

Die Welt ist schlecht! Und auch wenn man keine Massenvernichtungswaffen in der Wüste verbuddelt, wird man trotzdem gehängt. Post-Mortem beklagt sich die Weltöffentlichkeit dann über die Qualität des Hinrichtungsvideos und beteuert, dass ein staatliches Verbrechen, nämlich Mord, nicht mit den Verbrechen des Gehenkten gerechtfertigt werden kann, weil man sich dabei auf dieselbe moralische Stufe wie der Täter selbst stellt. Immerhin zählen zu dieser Öffentlichkeit so ziemlich alle europäischen Staatsoberhäupter und sogar US-Präsident Bush bemängelt Fehler.

Dass mit den staatlichen Verbrechen bekommt derzeit auch Bundesinnenminister Schäuble brühwarm aufgetischt. Sei es beim Quasi-Verteidigungsfall, oder bei den Online-Hausdurchsuchungen. Mal abgesehen davon, dass beides aus technischer Sicht grober Unfung ist, hat Schäubles NRW Amtskollege, Herr Wolf - Ingo, nicht Markus, das Thema intelligenter gelöst. Wenn es gesetzwidrig ist, Mittel zu besitzen, die geeignet sind, ungefragt und virtuell in andererleuts Computer einzudringen, dann ändert man Kraft der Regierungsverantwortung einfach die Verfassung - nur für sich selbst, versteht sich. Denn wer einen Internet-PC besitzt, benutzt diesen bereits, um seinen Arbeitgeber mit Leistungsverweigerung durch Fernsehen zu betrügen, da liegt es nahe, dass solche Leute sich sozusagen an der Fernuniversität als Terrorist weiterbilden. Der große Bruder hat die schwere Aufgabe, Sie vor all diesem Übel zu beschützen. Und Sie als unbescholtener Bürger haben ja nichts zu verbergen!

Schließlich kann der große Bruder auch mit traumhaften Fahndungsergebnissen auftrumpfen, die die Welt nachhaltig für Sie sicherer machen. Die US-Behörden haben mit der jahrelangen, totalen, illegalen, aber tolerierten Überwachung des gesamten europäischen Geldverkehrs gemäß einer Meldung, die ich nicht mehr finde, eine einstellige Zahl unbekannter Terroristen überführen können. Die deutschen Behörden können das auch und sogar noch viel effizienter. Durch die vollständige Durchforstung aller Kreditkartentransaktionen der insgesamt 22 Mio. Karten, hat man immerhin 322 Personen als Kinderschänder im Verdacht. Die vollständige Aufgabe des Bankgeheimnisses, um aus einem Generalverdacht 15 ppm - oder je nach lesart auch nur 4 ppmBerechnet auf alle Deutschen, statt auf Kreditkarten VerdächtigeVerdächtige und Verurteilte sind bekanntermaßen verschiedene paar Schuhe., zu destillieren. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

Verstehen Sie mich nicht falsch. Im konkreten Fall hat das Suchmuster aus meiner persönlichen Sicht nicht in die Perönlichkeitsrechte Unverdächtiger eingegriffen. Das Verfahren macht dennoch Angst. Kein Richter hat über das Suchmuster entschieden. Die Banken haben quasi auf Zuruf ihre Vertragspflichten gegenüber ihren Kunden verletzt. Wer garantiert uns, dass das nächste Suchmuster nicht alle Transaktionen zu € 49,99 über PayPal abruft? Und die Behauptung, dass es sich nicht um eine Rasterfahndung handelt, erinnert mich stark an Clintons berühmte Worte: I did not have sex with this woman.

Jemanden zu verdächtigen ging früher schneller. Der Sepp von der Oberwiesn' tut immer so heimlich. Der hat bestimmt etwas zu verbergen. Sie haben nichts zu verbergen. Man lässt Ihnen dazu auch keine Chance.

Es gibt dennoch Hoffnung. In den USA, dem derzeitigen Mutterland der Datenkraken, reift bei einigen Verantwortlichen die Einsicht, dass verdachtsunabhängige Rasterdaten weitgehend zwecklos sind. So findet sich zur amerikanischen Version der hier im Aufbau befindlichen Anti-Terror-Datenbank folgendes Resümee: Auf der Liste würden derzeit 300.000 NamenAlso jeder Tausendste US-Bürger geführt, darunter die von Kindern, Nonnen und sogar Kongressmitgliedern. Mit ein bisschen Glück erstickt der Große Bruder an seinem eigenen Datenfutter. Daran, dass man dem Großen Bruder erklärt, dass das zwecklose Sammeln von Daten in Deutschland strafbar ist, glaube ich allerdings nicht mehr.

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